Auf meiner letzten Exkursion nach Kroatien habe ich eine der wohl berühmtesten verlassenen Stätten des Landes besucht: den Luftwaffenstützpunkt Željava. Die unterhalb des Berges Plješevica an der heutigen kroatisch-bosnischen Grenze errichtete ehemalige Anlage der jugoslawischen Luftwaffe – mit dem Codenamen „Objekat 505“ – vereinte mehrere Start- und Landebahnen mit rund 3,5 Kilometern unterirdischer Flugzeuggalerien (bekannt als „Klek 505“), Wartungsbereichen und Kommandoeinrichtungen. Der Ende der 1960er Jahre fertiggestellte Stützpunkt beherbergte zwei Jagdgeschwader und ein Aufklärungsgeschwader, die hauptsächlich mit Varianten der MiG-21 ausgerüstet waren. Der Komplex wurde während der Kriege im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens am 16. Mai 1992 gezielt zerstört, wodurch die Start- und Landebahnen mit Kratern übersät und fast die gesamte unterirdische Infrastruktur verbrannt, gesprengt und geplündert wurde.
Ich hatte mich im Vorfeld über den Standort informiert, und im Internet sind zahlreiche Informationen dazu verfügbar. Es gibt Führungen, es gibt die LYBI-Gruppe von Enthusiasten (LYBI war Željavas jugoslawischer ICAO-Standortcode) mit einer Website, die direkt aus den 90er Jahren zu stammen scheint, und unzählige Menschen haben Fotos veröffentlicht und Texte über die Grösse, die Kosten und die Leistungsfähigkeit der Anlage verfasst. In sehr vielen dieser Texte wird darauf hingewiesen, dass die unterirdische Anlage „tausend Menschen gleichzeitig versorgen konnte, zusammen mit Vorräten an Lebensmitteln, Treibstoff und Waffen, die für 30 Tage ausreichten“ (hier zitiert aus Wikipedia).
Infrastrukturwoche!
Das ist schon eine ganze Menge Infrastruktur. Wir hätten es hier mit umfangreichen Küchen und Kantinen, Unterkünften für eine sehr grosse unterirdische Belegschaft und allen dazugehörigen Einrichtungen zu tun: Lebensmittellager, Waschräume, Toiletten, Abwassersysteme und vieles mehr.
Es gibt allerdings ein Problem.
Ich glaube das nämlich nicht.
Insgesamt habe ich das gesamte Tunnelsystem mindestens dreimal durchlaufen. Beim ersten Durchgang hatte ich kaum eine Vorstellung davon, was sich wo befand, und orientierte mich anhand der Graffiti an den Wänden: Ich kam am rosa Totenkopf herein, also ging es rechts bei „free Thai massage →“ weiter. Einige Räume konnte ich erkennen – derjenige, dessen Boden mit 120-mm-Aufklärungsfilm bedeckt war und in dem eine einsame Flasche Entwickler stand, war eindeutig das Fotolabor. Den leeren, gefliesten Raum mit den Überresten einer Kühlanlage an der Wand identifizierte ich als Leichenhalle. Meistens gab es jedoch nur riesige, voneinander abzweigende Tunnel – so gewaltig, dass selbst meine stärkste Taschenlampe, die in etwa die Grösse und Subtilität eines Marine-Suchscheinwerfers hatte, deren Enden nicht erreichen konnte.
Di1e hohe Luftfeuchtigkeit war dabei nicht gerade hilfreich. Durch das Bündeln des Lichtstrahls erhielt ich zwar eine passable Nachbildung eines Lichtschwerts, aber kaum zusätzliche Sicht. Gerade als ich meinen zweiten Rundgang begann, stiess ich auf eine Reisegruppe, die eine Pause machte, und fragte den Tourguide, ob meine bisherigen Interpretationen richtig gewesen seien. Das waren sie, und er erlaubte mir, die Karte zu fotografieren, die er auf seinem Handy benutzte.
Star Command

Dann stellte ich fest, dass der Ort, an dem ich mir erstmals Sorgen gemacht hatte, mich zu verlaufen – und mir besonders Mühe gegeben hatte, mir die Graffiti einzuprägen – „Zvijezda“ heisst: „Der Stern“ oder „Star Command“, aufgrund seiner Form. Ein relativ schmaler Korridor führt in einen runden Raum, von dem fünf weitere Räume abzweigen.
Auf der Karte war Raum 37 als „Küche/Speisesaal“ gekennzeichnet. Bei genauerem Hinsehen ergab das Sinn. Zwischen den allgegenwärtigen Trümmerhaufen befinden sich die Überreste eines einzigen Herdes. Während einer spontanen Führung, die ich später für ein paar medizinische Fachkräfte aus Luxemburg durchführte (schreibt mir doch mal, falls ihr das hier lest!), fanden wir in den Trümmern auch Scherben von Porzellantellern und einen halben gläsernen Aschenbecher.
Schaut euch nun die Grösse dieser Küche an. Die Karte ist im Grossen und Ganzen massstabsgetreu.
Es ist völlig unvorstellbar, dass in diesem Raum, so wie er dargestellt ist, Mahlzeiten für tausend Menschen gleichzeitig zubereitet und serviert worden sein könnten. Ich habe unter anderem als Armeekoch in der Schweiz gedient, und die Küche, in der wir zwischen 100 und 200 Menschen verpflegt haben, war grösser als diese hier. Dabei musste sie nicht einmal den Speisesaal mitumfassen.
Rechnen wir einmal nach. Nehmen wir an, die Hälfte des Raums – etwa 25 m² – wurde als Speiseraum genutzt. Die Bedingungen mussten nicht besonders gemütlich sein, also stopfen wir dreissig Personen gleichzeitig hinein. Wenn sie innerhalb von fünfzehn Minuten eintreten, ihr Essen entgegennehmen, einen Platz finden, essen, ihr Geschirr abräumen und wieder gehen könnten, würde die Verpflegung von tausend Personen mit einer einzigen Mahlzeit vierunddreissig Durchgänge erfordern und achteinhalb Stunden dauern.
Ein Tag bietet nicht genug Zeit, damit alle drei Mahlzeiten zu sich nehmen können. Selbst wenn wir versuchen würden, die drei Mahlzeiten auf vierundzwanzig Stunden zu komprimieren, müsste die Küche – die verbleibenden 25 m² – rund um die Uhr ununterbrochen Vorräte auffüllen, das Essen zubereiten, kochen und servieren, während gleichzeitig der Raum gereinigt und das Geschirr gespült wird. Nach meiner Erfahrung wäre es bei diesem Tempo nicht einmal annähernd möglich, in einer grösseren Küche 200 Mahlzeiten zuzubereiten.
Ein Wort im vorigen Absatz verdient besondere Beachtung: „auffüllen“.
Tausend Menschen über dreissig Tage entsprechen 30.000 Personentagen an Verpflegung. Bei spartanischer militärischer Verpflegung wäre eine vernünftige Schätzung etwa 0,6 kg Trocken- oder Konservenverpflegung pro Person und Tag. Das bedeutet die Lagerung von rund achtzehn Tonnen Lebensmitteln – etwas mehr, als in einen durchschnittlichen Küchenschrank passt.
Je nach Verpackung und der Mischung aus Säcken, Dosen, Trockenwaren und Konserven könnten allein die Vorräte etwa 35–50 m³ einnehmen. Ein Lagerverwalter, der gleichzeitig ein Tetris-Weltmeister wäre, könnte sie möglicherweise auf dieses Volumen komprimieren. Ein nutzbarer Vorratsraum würde jedoch auch Regale, Gänge, Platz für den Lagerumschlag, Zugang zu jeder Lebensmittelkategorie, Trennung von den feuchten Wänden sowie Platz für die Annahme und den Transport von Lieferungen erfordern. Ich würde daher mindestens 85–100 m² Bodenfläche erwarten: etwa doppelt so gross wie die gesamte Küche und der Speisesaal zusammen.
Diese Lagerräume müssten an die Küche angrenzen oder zumindest in deren Nähe liegen, um die Versorgungswege überschaubar zu halten. Es gibt jedoch keinen Raum mit der Bezeichnung „Lebensmittellager“ oder etwas Ähnlichem. Tatsächlich scheint es auf dem Plan nirgendwo einen solchen Raum zu geben.
Und wo wir gerade von fehlenden Räumen sprechen: Auch Unterkünfte sind auf dem Plan nirgendwo verzeichnet.
Schlafraum
Selbst unter extremsten Annahmen – dreistöckige Etagenbetten und schiffsähnliche Bedingungen – schätze ich, dass für die Unterbringung von tausend Menschen mindestens 1.500 m² Schlafraum erforderlich wären. In dieser Zahl sind keine Toiletten, Duschen, Spinde, Waschräume, medizinische Einrichtungen oder nennenswerte Verkehrsflächen enthalten. Das entspricht fünfzehn Räumen mit den Massen 10 × 10 Meter, die in einer fast unglaublichen Dichte zusammengepfercht wären – oder, realistischer betrachtet, zwanzig oder mehr Räumen dieser Grösse.
Keiner davon ist auf der Karte verzeichnet.
Es ist möglich, dass Teile des unterirdischen Komplexes nicht mehr zugänglich sind, obwohl ich keine offensichtlich versperrten Stollen, eingestürzte Abzweigungen oder unerklärliche Sackgassen gesehen habe. Was äusserst unwahrscheinlich erscheint, ist, dass ein ganzer Unterbringungsbereich, der gross genug für tausend Menschen ist, verschwunden ist, während der grösste Teil der betrieblichen Struktur in der einen oder anderen Form weiterhin zugänglich bleibt.
Wie lässt sich also die Geschichte von „tausend Menschen für dreissig Tage“ erklären?
Ein Teil davon ist sicherlich auf Wiederholung zurückzuführen. Eine frühe Quelle—möglicherweise sogar ein jugoslawisches Militärdokument oder eine kroatische oder bosnische Darstellung aus der Nachkriegszeit—nannte die Zahlen von dreissig Tagen und tausend Personen. Diese Formulierung wurde seither in zahllosen Reiseblogs, auf Wikipedia und auf Dark-Tourism-Websites weitergereicht, offenbar ohne dass jemand sie mit dem baulichen Befund verglichen hätte. Ein klassischer Fall von – höchstwahrscheinlich unbeabsichtigtem – Citation Laundering.
Aber warum hat diese frühe Quelle diese Behauptung überhaupt aufgestellt?
Vojarna
Ich habe eine mögliche Erklärung: Željava konnte tatsächlich rund tausend Menschen beherbergen, versorgen und sogar unterhalten – nur eben nicht unterirdisch.
Auf der Karte umfasst der rot eingekreiste Bereich eine grosse Gruppe von einundzwanzig verlassenen Gebäuden; der blaue Kreis markiert zur Orientierung die Tunneleingänge. Entgegen dem Eindruck, den die Karte vermittelt, sind die Gebäude inzwischen so sehr vom Wald verschlungen, dass die meisten von der Strasse aus nicht zu sehen sind, es sei denn, man weiss, wo man hinschauen muss. Die meisten Besucher von Željava fahren direkt an ihnen vorbei. Dies war die Vojarna: die Kaserne und der Versorgungskomplex. Im Grunde genommen das Stützpunktdorf.

Ich erkundete die Vojarna und fand mehrere Gebäude mit Truppenunterkünften, Duschen und Toiletten; eine imposante Grossküche und einen riesigen Speisesaal; mehrere umfangreiche Werkstätten; ein Verwaltungsgebäude; und sogar ein Kino. Alles war leergeräumt und bis und mit den Lichtschaltern entkernt worden, doch die Gebäude blieben bemerkenswert gut erkennbar.
Einundzwanzig Gebäude bieten reichlich Platz für Unterkünfte, Küchen, Speiseräume, Verwaltung, Werkstätten, Freizeitbereiche und die sonstigen Einrichtungen, die eine grosse militärische Anlage benötigt. Allein anhand der erhaltenen Strukturen lässt sich keine genaue Kapazität ableiten, doch eine Gesamtbelegung von rund tausend Personen erscheint durchaus plausibel. Die vojarna sieht aus wie ein Ort, der für eine solche Grössenordnung gebaut wurde. Klek 505 definitiv nicht.



Dies lässt auf einen recht einfachen Ursprung der Geschichte schliessen. Željava dürfte eine Gesamtstärke von etwa tausend Mann gehabt haben. Die unterirdische Anlage könnte zudem Treibstoff, Waffen und andere Vorräte beherbergt haben, die dazu bestimmt waren, Kampfhandlungen dreissig Tage lang aufrechtzuerhalten. Irgendwo in der Kette der Weitererzählungen scheinen diese einzelnen Fakten miteinander verknüpft worden zu sein: Aus tausend Menschen wurden tausend Menschen unter der Erde, und aus dreissig Tagen Einsatzreserven wurden dreissig Tage vollständiger Selbstversorgung unter der Erde.
Einmal kombiniert, nahm die Behauptung die befriedigende Form eines Superlativs aus dem Kalten Krieg an. Sie war präzise, dramatisch und passte perfekt zu einem Ort wie Željava. Sie wurde dann so oft wiederholt, bis sie zur allgemein akzeptierten Beschreibung wurde.
Ich kann nicht beweisen, dass der Mythos genau so entstanden ist. Vielleicht taucht irgendwann ein ursprünglicher Plan, ein Inventarverzeichnis oder ein Militärbericht auf, der zeigt, dass ich etwas übersehen habe. Ein Grossteil der Anlage wurde zerstört, geplündert oder verändert, und das Fehlen erhaltener Beweise ist kein absoluter Beweis dafür, dass etwas nie existiert hat.
Doch aussergewöhnliche Infrastruktur hinterlässt gewöhnliche Spuren. Eine Küche, die tausend Menschen versorgen kann, Lagerräume mit achtzehn Tonnen Lebensmitteln und Unterkünfte, die sich über Tausende von Quadratmetern erstrecken, sollten in der Anlage auch nach dem Verschwinden der Einrichtungen noch sichtbar sein. Im unterirdischen Komplex sind diese Spuren nicht nur beschädigt oder mehrdeutig. Sie sind schlichtweg nicht vorhanden. Oberirdisch hingegen stehen sie noch immer im Wald.
Meine Schlussfolgerung lautet daher weder, dass Željava niemals tausend Menschen hätte versorgen können, noch dass es an Reserven für einen längeren Kriegseinsatz mangelte. Beides ist durchaus glaubwürdig. Was ich jedoch nicht glaubwürdig finde, ist die bekannte Behauptung, dass tausend Menschen dreissig Tage lang im Inneren des Berges untergebracht und verpflegt werden konnten.
Željava hat diese Geschichte nicht nötig. Was tatsächlich unter dem Berg Plješevica errichtet wurde, ist schon beeindruckend genug.
