Das Enkataleiptische Klassifikationssystem (ECS)

Das Enkataleiptische Klassifikationssystem (ECS) ist ein Rahmenwerk zur Beschreibung des gegenwärtigen Zustands von Orten, Bauwerken, Artefakten und Landschaften, die sich in einem Prozess der Enkataleipsis befinden oder diesen bereits durchlaufen haben – dem Vorgang, bei dem Orte und Objekte von ihren ursprünglichen Nutzern aufgegeben werden.

Traditionelle Klassifikationen orientieren sich häufig an der ursprünglichen Funktion eines Ortes: industriell, militärisch, wohnbezogen, religiös oder landwirtschaftlich. Das ECS konzentriert sich stattdessen auf dessen aktuellen Zustand. Ein Hochofen, eine Burg, ein Bahnhof und ein Messgerät mögen sich hinsichtlich Alter und Funktion stark unterscheiden, können sich jedoch in vergleichbaren Stadien von Aufgabe, Umnutzung, Verfall oder Rückeroberung befinden.

Das ECS definiert eine Reihe von Klassen, die von aktiver ursprünglicher Nutzung (EK-0) bis zum vollständigen Verlust (EK-X) reichen. Dadurch können Orte unterschiedlicher historischer Epochen und Kategorien mit einem gemeinsamen Vokabular beschrieben und verglichen werden. Zusätzliche Modifikatoren ermöglichen die Kennzeichnung von Zugänglichkeit, Besucheraktivität, Gefährdung oder anderen bemerkenswerten Eigenschaften.

Das System versteht sich als beschreibendes und nicht als wertendes Instrument. Ein Standort der Klasse EK-IX ist nicht grundsätzlich bedeutender oder unbedeutender als ein Standort der Klasse EK-III; die Klassifikation beschreibt ausschliesslich den aktuellen Zustand der erhaltenen materiellen Überreste.

EK-0 bezeichnet den Zustand vor der eigentlichen Enkataleipsis: Der Ort oder das Objekt befindet sich noch in ursprünglicher Nutzung. Die enkataleiptischen Zustände im engeren Sinn beginnen mit EK-I. EK-X ist ein terminaler Zustand und wird ohne Modifikatoren verwendet.

Wie die Enkataleiptik selbst ist das ECS für ein breites Spektrum von Untersuchungsgegenständen ausgelegt, darunter Industrieerbe, militärische Hinterlassenschaften, verlassene Siedlungen, historische Bauwerke, Infrastruktur, technische Artefakte und archäologische Landschaften.

KlasseBezeichnungBeschreibungTypische Beispiele
EK-0In BetriebUrsprüngliche Funktion wird weiterhin ausgeübt. Streng genommen noch nicht enkataleiptisch, dient jedoch als Referenzzustand.Betriebene Fabrik, bewohntes Haus, aktiver Bahnhof
EK-IErhaltenUrsprüngliche Funktion beendet, Standort, Objekt oder Bauwerk wird jedoch gepflegt, kuratiert, gelagert oder anderweitig in stabilem Zustand bewahrt.Museumskraftwerk, erhaltener Bunker, Museumsbahn, ausgestelltes Messgerät
EK-IIRuhendAusser Nutzung, aber weitgehend intakt, mit wenig sichtbarem Verfall, geringer Störung und nur geringem Substanzverlust.Geschlossene Schule, leerstehendes Bürogebäude, stillgelegte Anlage
EK-IIIVerlassenEindeutig aufgegeben, mit ersten Spuren von Vernachlässigung, Verwitterung, ausbleibender Wartung oder geringem Verfall.Vernagelte Fabrik, verlassenes Hotel, stillgelegtes Depot
EK-IVDegradiertDeutliche Schäden, Vandalismus, Ausschlachtung oder Verfall, wobei die ursprüngliche Funktion weiterhin weitgehend lesbar bleibt.Geplünderter Industriestandort, vandalisiertes Krankenhaus, ausgeschlachteter Leitstand
EK-VFragmentiertErheblicher Verlust von Substanz oder Vollständigkeit; wichtige Bestandteile fehlen, aber Standort oder Objekt bleiben interpretierbar.Teilweise abgetragene Fabrik, unvollständige Maschine, Kontrollraum mit entfernten Instrumenten
EK-VIRuinösSchwere strukturelle Schäden, Einsturz oder Instabilität. Die Überreste sind noch erkennbar, aber nicht mehr wesentlich intakt.Dachlose Fabrik, eingestürzter Bauernhof, instabile Befestigungsanlage
EK-VIIRückerobertNatürliche Prozesse dominieren; Vegetation, Sediment, Wasser, Tiere oder andere Umwelteinflüsse überlagern die Überreste zunehmend.Bewaldeter Bunker, überwucherte Bahnstrecke, von Bäumen erfüllte Lagerhalle
EK-VIIIRudimentärNur noch sichtbare Spuren, Fragmente, Fundamente, Erdwerke, Maschinenfundamente oder andere oberirdische Reste sind erhalten. Der ursprüngliche Ort oder das Objekt lässt sich noch teilweise aus dem sichtbaren Befund lesen.Fundamente, Maschinenfundamente, Bahndämme, Betonplatten
EK-IXVerborgen / latentMaterielle Überreste können noch vorhanden sein, sind aber ohne Ausgrabung, Freilegung, Geophysik, Archivquellen oder fachliche Interpretation nicht mehr sinnvoll sichtbar oder lesbar.Überdeckte Siedlungsreste, verfüllte Infrastruktur, archäologisch nachgewiesene, aber nicht sichtbare Anlagen
EK-XAusgelöschtDie ursprünglichen materiellen Überreste überdauern nicht mehr in sinnvoll beobachtbarer Form. Der Ort existiert vor allem in Dokumenten, Karten, Fotografien, Erinnerungen oder als Abwesenheit. Modifikatoren werden nicht angewendet.Abgerissene Fabrik, vollständig überbauter Schulstandort, entfernte Eisenbahnstrecke

ECS-Modifikatoren

Während die Enkataleiptische Klasse (EK) den allgemeinen Zustand eines Ortes beschreibt, können zusätzliche Modifikatoren verwendet werden, um Eigenschaften zu erfassen, die in der Hauptklassifikation nicht enthalten sind.

Zwei Standorte derselben EK-Klasse können sich hinsichtlich Zugänglichkeit, Besucheraufkommen, rechtlichem Status oder Zukunftsaussichten erheblich unterscheiden. Ein degradierter Industriestandort kann isoliert und unzugänglich sein, während ein anderer regelmässig besucht wird und unter Denkmalschutz steht. Die Hauptklassifikation allein kann diese Unterschiede nicht abbilden.

Das Enkataleiptische Klassifikationssystem verwendet daher eine Reihe optionaler Modifikatoren. Diese ergänzen die zugewiesene Enkataleiptische Klasse, verändern sie jedoch nicht. Modifikatoren können entfallen, wenn die entsprechenden Informationen nicht verfügbar oder für die Dokumentation nicht relevant sind. EK-X wird ohne Modifikatoren verwendet, da keine sinnvoll beobachtbaren materiellen Überreste mehr vorhanden sind, auf die sich Aktivität oder Gefährdung beziehen könnten.

Aktivitätsmodifikator

Der Aktivitätsmodifikator beschreibt das Ausmass menschlicher Präsenz nach der Enkataleipsis. Er bezeichnet nicht die ursprüngliche Nutzung, sondern heutige Zugänglichkeit, Besucheraktivität oder informelle Weiternutzung.

CodeBeschreibung
1Gesichert oder nicht zugänglich
2Gelegentliche Besucher
3Häufige Besucher oder etabliertes Interesse von Explorern
4Regelmässige informelle Nutzung
5Dauerhafte Nutzung oder intensive informelle Nutzung

Gefährdungsmodifikator

Der Gefährdungsmodifikator erfasst bekannte Risiken für den Fortbestand eines Ortes, Bauwerks, Artefakts oder einer Landschaft.

Während die Enkataleiptische Klasse den gegenwärtigen Zustand beschreibt, gibt der Gefährdungsmodifikator einen Hinweis auf die wahrscheinliche zukünftige Entwicklung. Gefährdungen können durch natürliche Prozesse, baulichen Verfall, Neubebauung, Abriss, Ausschlachtung, Vandalismus, Umweltveränderungen oder andere Einflüsse entstehen, die die erhaltenen Überreste erheblich verändern oder zerstören könnten.

Der Modifikator stellt eine praktische Einschätzung und keine Vorhersage dar. Er spiegelt die zum Zeitpunkt der Dokumentation bekannten Umstände wider und kann sich mit veränderten Bedingungen ändern.

CodeBeschreibung
T0Keine unmittelbare Gefährdung bekannt
T1Gefährdet durch natürlichen Verfall oder Umwelteinflüsse
T2Gefährdet durch Neubebauung, Abriss, Ausschlachtung oder erhebliche Veränderungen
T3Aktiver Verlust oder Zerstörung im Gange

Denkmalstatus

Ein Denkmal- oder Schutzstatus kann unabhängig von der ECS-Klassifikation erfasst werden.

SymbolBeschreibung
Geschütztes Kultur- oder Denkmalobjekt

Beispiele

KlassifikationInterpretation
EK-III-1Verlassen und gesichert
EK-IV-3Degradierter Standort mit häufigen Besuchern
EK-IV-4Degradierter Standort mit regelmässiger informeller Nutzung
EK-V-3-T2Fragmentierter Standort mit häufigen Besuchern; durch Neubebauung, Abriss oder Ausschlachtung gefährdet
EK-VI-1-T1Ruinöser, unzugänglicher Standort mit fortschreitendem baulichem Verfall
EK-VII-3-T1Von der Natur zurückeroberter Standort mit häufigen Besuchern; fortschreitender natürlicher Verfall
EK-III-2-T0Verlassener Standort mit gelegentlichen Besuchern und ohne bekannte unmittelbare Gefährdung
EK-VIII-T0Rudimentäre sichtbare Überreste ohne bekannte unmittelbare Gefährdung
EK-IX-T0Verborgenes oder latentes materielles Überleben ohne bekannte unmittelbare Gefährdung
EK-XAusgelöscht; keine Modifikatoren

Beispiele aus der Praxis

StandortKlassifikationBegründung
Leitstand Block 3 des Kernkraftwerks TschornobylEK-I-1-T0†Ausser Betrieb, aber weitgehend intakt und faktisch als Teil des Standorts Tschornobyl erhalten. Zugang kontrolliert. Wesentliche Originalsubstanz erhalten. Keine unmittelbare Gefährdung bekannt.
Leitstand Block 4 des Kernkraftwerks TschornobylEK-V-1-T1†Seit dem Unfall von 1986 verlassen. Erheblicher Verlust von Instrumentierung und Originalsubstanz durch Entfernung, Ausschlachtung oder Diebstahl. Zugang kontrolliert. Fortlaufender Verfall möglich, obwohl eine spätere Erhaltung denkbar ist.
PrypjatEK-VII-3-T1†Vollständig aufgegebene Stadtlandschaft, zunehmend von der Natur zurückerobert. Häufige Besucher. Fortlaufender Zerfall. Geschützt als Teil der Sperrzone und als bedeutendes Kulturerbe anerkannt.
Buzludscha-DenkmalEK-IV-3-T1†Stark degradiert, aber weiterhin klar erkennbar. Häufige Besucher. Fortlaufende witterungsbedingte Schäden. Geschütztes Denkmal und Gegenstand laufender Erhaltungsmassnahmen.
Villa PapadopoulosEK-VI-2-T1Ruinöse Überreste einer politisch bedeutenden Residenz. Umfangreicher Substanzverlust, langjährige Aufgabe, gelegentliche Besucher, fortschreitender natürlicher Zerfall. Kein bedeutender formeller Schutzstatus bekannt.
TrellechEK-IX-T0†Die mittelalterliche Siedlung überdauert hauptsächlich als archäologisch erschlossener oder verborgener Befund. Sie ist nicht mehr als intakte Siedlung im sichtbaren Gelände lesbar. Stabiler Zustand; archäologische Fundstätte mit gesetzlichem Schutz.
Blatten (VS)EK-XDurch ein katastrophales Naturereignis praktisch ausgelöscht. Die ursprüngliche Bausubstanz ist als Dorf nicht mehr sinnvoll beobachtbar.
Hashima (Gunkanjima)EK-VI-3-T1†Umfangreiche Einstürze und starke Verwitterung. Häufige Besucher unter kontrollierten Bedingungen. UNESCO-Welterbestätte.
Oradour-sur-GlaneEK-I-2-T0†Bewusst in einem verlassenen Zustand als Mahnmal erhalten und unter staatlichem Schutz. Ursprüngliche Funktion beendet, aber die erhaltene Ruinenlandschaft wird kuratiert.
KolmanskopEK-VII-3-T1†Die Wüste dominiert zunehmend den Standort. Häufige Besucher. Geschütztes Kulturerbe und verwaltete Touristenattraktion.
Plymouth (Montserrat)EK-VII-1-T1Die ehemalige Hauptstadt wurde weitgehend unter vulkanischen Ablagerungen begraben, doch sichtbare Gebäudereste und Strukturen bleiben teilweise erhalten. Zugang stark eingeschränkt; fortlaufende Umweltprozesse.
Battersea Power Station (vor der Restaurierung)EK-IV-1-T2†Degradierter Industriestandort, bedroht durch Umnutzung und tiefgreifende Veränderungen. Denkmalgeschütztes Bauwerk vor der Sanierung.
Verlassenes ländliches BauernhausEK-VII-2-T1Leerstehendes Gebäude, langsam von Vegetation zurückerobert. Gelegentliche Besucher.
Stillgelegte BahnstationEK-III-2-T0Ursprüngliche Funktion beendet. Infrastruktur weitgehend intakt, aber nicht mehr in regulärer Nutzung.
Geschlossene DorfschuleEK-II-1-T0Leerstehend, aber gepflegt und strukturell intakt.
Verlassener GartenschuppenEK-IV-2-T1Verfallendes Bauwerk mit klar erkennbarer ursprünglicher Funktion.
Veraltetes Oszilloskop in einem LagerEK-II-1-T0Nicht mehr genutzt, aber intakt, identifizierbar und potenziell funktionsfähig.
Defektes militärisches Feldtelefon vor der EntsorgungEK-IV-1-T1Aufgegebenes Artefakt, nicht mehr funktionsfähig, allmähliche materielle Verschlechterung.
Aus einer abgerissenen Fabrik entfernter und im Museum ausgestellter KontrollraumEK-I-T0Ursprüngliche Funktion beendet, Artefakt jedoch erhalten und kuratiert.
Bahndamm mit entfernten GleisenEK-VIII-T0Nur noch sichtbare Spuren der ursprünglichen Infrastruktur erhalten.
Überbaute Eisenbahntrasse ohne erkennbare ResteEK-XDie materielle Lesbarkeit der ursprünglichen Infrastruktur ist vor Ort verloren; die Trasse überdauert nur noch in Plänen, Luftbildern oder Erinnerung.

Zur Abgrenzung des Betrachtungsumfangs

Das ECS sollte auf die kleinste sinnvoll abgrenzbare Beobachtungseinheit angewendet werden. Grosse oder komplexe Anlagen enthalten häufig Bereiche, Bauwerke, Räume, Artefakte oder einzelne Merkmale, die sich in sehr unterschiedlichen Zuständen der Enkataleipsis befinden. Ein Friedhof kann beispielsweise als Ganzes weiterhin gepflegt und zugänglich sein, während einzelne Grabsteine unleserlich geworden sind, Wege unter Vegetation verschwunden sind und ganze Bereiche nicht mehr sicher betreten werden können. In solchen Fällen kann eine einzelne Klassifikation für den gesamten Ort als grobe Zusammenfassung nützlich sein; eine genauere Dokumentation sollte jedoch die relevanten Untereinheiten separat klassifizieren. Das ECS beschreibt daher den jeweils ausgewählten Untersuchungsgegenstand, nicht zwingend das gesamte Grundstück, die gesamte Institution oder die gesamte Landschaft, in der er sich befindet.

So kann beispielsweise der Highgate Cemetery als EK-0 beschrieben werden, wenn er als aktiv benutzter (Begräbnisse finden statt), gepflegter und kuratierter Friedhof betrachtet wird. Innerhalb dieses Friedhofs können jedoch bestimmte überwachsene oder unzugängliche Bereiche als EK-VII klassifiziert werden, während ein einzelner Grabstein, dessen Inschrift durch Verwitterung komplett unleserlich geworden ist, als EK-VIII gelten kann. Die Klassifikation hängt vom gewählten Betrachtungsumfang ab.